Tinte und Eisen

**Rivals to Lovers** · Berlin-Neukölln, Frühjahr, zwei konkurrierende Tattoo-Studios in derselben Straße

Tinte und Eisen

Janek hörte die Maschine schon, bevor er die Tür aufstieß. Dieses tiefe, gleichmäßige Surren, das aus dem Schaufenster gegenüber drang, als wäre es ein Vorwurf. Sechs Uhr früh. Wer zur Hölle tätowierte um sechs Uhr früh in Neukölln?

Milo. Natürlich Milo.

Janek blieb auf dem Bürgersteig stehen, den Schlüssel halb im Schloss seines eigenen Studios, und sah hinüber. Das Licht drüben war warm, gelb, fast unanständig einladend. Hinter der Glasscheibe saß Milo über einen Arm gebeugt, blondes Haar im Nacken zusammengebunden, ein schwarzes Tank-Top, das mehr Tinte zeigte als Haut. Auf dem Stuhl ein Tourist mit verklebten Augen, der aussah, als wäre er direkt vom Berghain hierher gestolpert.

»Asshole«, murmelte Janek, drehte den Schlüssel und ließ die Tür hinter sich zufallen.

In Eisen & Nadel roch es nach Desinfektion, kaltem Kaffee und dem Lederbezug seines Behandlungsstuhls, der seit elf Jahren denselben Geruch hatte. Janek mochte den Geruch. Er war ehrlich. Im Gegensatz zu allem anderen in dieser Straße.

Er warf die Jacke auf den Tresen, sah aufs Handy, scrollte durch die Buchungen. Drei Termine. Letzte Woche waren es fünf gewesen. Die Woche davor sieben. Seit Milo Sonnenstich Tattoo aufgemacht hatte — neun Monate, drei Tage und einige Stunden, Janek zählte nicht — war es jeden Monat ein bisschen weniger.

Das Problem war nicht, dass Milo schlecht war. Das Problem war, dass er gut war. Sehr gut. Verdammt gut. Feine Linien, botanische Sachen, dieser unverschämt saubere Stil, den die Instagram-Generation liebte. Sein eigener Account hatte 4.000 Follower, mühsam zusammengetragen über ein Jahrzehnt. Milo hatte 80.000. Drei davon waren wahrscheinlich Janek selbst, mit Fake-Accounts, an Tagen, an denen er sich hasste.


Um halb neun klingelte das Telefon. Frau Brandner, die ihre Pfingstrose am Unterarm hatte stechen lassen wollen, sagte ab. »Es tut mir so leid, Janek, aber ich habe einen Termin bei dem jungen Mann gegenüber bekommen, kurzfristig, du verstehst —«

»Ich verstehe«, sagte Janek. Er legte auf, lehnte die Stirn an die kalte Wand und atmete drei Mal lang aus.

Dann ging er rüber.

Er wusste nicht, was er sagen wollte. Er wusste nur, dass etwas raus musste, sonst würde er den ganzen Tag mit zusammengebissenen Zähnen tätowieren und am Abend den falschen Menschen anschreien.

Die Glocke über Milos Tür war ein Windspiel aus Messing. Natürlich. Drinnen roch es nach Bergamotte und teurer Hautcreme. Milo sah auf, ohne die Maschine abzusetzen. Auf dem Stuhl schlief inzwischen ein anderer Kunde — eine Frau mit halb fertigem Magnolienzweig auf der Schulter.

»Janek«, sagte Milo, als wäre der Name eine Feststellung des Wetters. »Du blutest.«

Janek sah an sich runter. Die Hand, mit der er die Tür aufgedrückt hatte, hatte einen alten Schnitt am Knöchel aufgerissen, irgendein Drahtgefummel von gestern. »Ist nichts.«

»Ist Blut auf meiner Klinke.«

»Dann wisch es weg.«

Milo hob eine Augenbraue. Er hatte diese ruhige Art, die Janek auf die Palme brachte — als hätte er nichts zu verlieren, weil er nie etwas hatte aufbauen müssen. »Wolltest du was?«

»Brandner.«

»Pfingstrose, ja. Schöne Vorlage übrigens.«

»Sie war meine Stammkundin seit sechs Jahren.«

Milo sah ihn lange an. Die Maschine surrte weiter, lief leer in der Luft, und es klang wie ein Insekt, das nicht wusste, wohin. Dann setzte er ab. »Janek. Ich klau dir keine Kunden. Sie hat angerufen. Ich hab gesagt, ich kann nächste Woche. Sie hat gesagt, super.«

»Du weißt, dass sie zu mir gehört.«

»Menschen gehören nicht.«

Es war so ein Milo-Satz. Genau die Sorte, die Janek hasste, weil sie wahr war.

Er drehte sich um, ging raus, ließ die Glocke böse hinter sich klimpern. Auf dem Bürgersteig blieb er stehen und merkte, dass seine Hand zitterte.


Drei Tage später regnete es. Berliner Aprilregen, der schräg aus den Hinterhöfen kam und einem trotz Kapuze in den Kragen lief. Janek hatte um zehn einen Walk-in, einen jungen Typen mit Brille, der ein Anker-Motiv wollte und eine halbe Stunde später wieder ging, weil Janeks Linien zu hart für seinen Geschmack waren. »Ich hab mir das weicher vorgestellt«, sagte er. »Wie bei dem Kollegen drüben.«

Janek wartete, bis der Junge raus war. Dann nahm er den Aschenbecher vom Tresen — schwer, gusseisern, ein Geschenk seines Vaters von vor zehn Jahren — und schmiss ihn gegen die Wand. Es gab eine Delle. Der Aschenbecher überlebte. Janek setzte sich auf den Behandlungsstuhl, legte die Unterarme auf die Knie und starrte auf seine eigenen Tattoos, die er sich selbst gestochen hatte, in den Jahren, in denen er noch geglaubt hatte, dass harte Linien etwas wert waren.

Die Tür ging.

»Geschlossen«, sagte er, ohne aufzusehen.

»Ich weiß.« Milo. Er stand im Türrahmen, klatschnass, eine Plastiktüte in der Hand. »Ich hab dich von drüben gehört.«

»Du hast gar nichts gehört. Die Wände sind dick.«

»Janek.« Milo trat ein, schloss die Tür, lehnte sich dagegen. »Ich hab dich gesehen. Durch die Scheibe. Du hast was geworfen.«

Janek sah auf. Milos Haar war dunkler im Regen, fast braun, und die Sonnensprossen auf seiner Nase waren das Erste, was er an ihm wahrnahm, ohne dass er sich bewusst entschied, sie wahrzunehmen.

»Was willst du.«

Milo hob die Tüte. »Suppe. Vom Vietnamesen unten. Pho. Ich dachte, vielleicht hast du nicht gegessen.«

Janek lachte. Es war kein freundliches Lachen. »Du bringst mir Suppe.«

»Ja.«

»Weil du dich schuldig fühlst.«

»Nein.« Milo stellte die Tüte auf den Tresen. »Weil ich seit neun Monaten gegenüber von dir arbeite und du noch nie mit mir geredet hast, ohne dass dir die Adern am Hals geschwollen sind, und ich finde, das ist eine ziemlich beschissene Art, einen Nachbarn zu behandeln.«

Janek stand auf. »Du bist nicht mein Nachbar. Du bist Konkurrenz.«

»Ich bin beides.«

Sie sahen sich an. Im Studio lief leise ein altes Tom-Waits-Album, das Janek seit Stunden nicht mehr gewechselt hatte. Hold On. Wahrscheinlich der einzige Tom-Waits-Song, den auch Milo kennen würde. Wahrscheinlich der einzige Berührungspunkt zwischen ihnen, der nicht aus Wut bestand.

»Iss die Suppe, bevor sie kalt wird«, sagte Milo.

Dann ging er.


Janek aß die Suppe. Sie war sehr gut. Er hasste, dass sie sehr gut war.


Am Sonntag stand Milo wieder vor der Tür. Diesmal mit einem Skizzenbuch.

»Ich hab eine Bitte«, sagte er, bevor Janek ihn rauswerfen konnte. »Eine geschäftliche.«

»Nein.«

»Du hast noch nichts gehört.«

»Nein.«

»Ich hab eine Kundin, die will eine Cover-up. Ein altes Stück, schwarze Fläche, brutal. Ich kann das nicht. Ich mach feine Sachen. Du machst Schwerkraft.«

Janek blinzelte. Du machst Schwerkraft. Das war der absurdeste Satz, den irgendwer je über seine Arbeit gesagt hatte. Auch der erste in langer Zeit, der ihn nicht klein gemacht hatte.

»Ich schick sie zu dir«, sagte Milo. »Wenn du sie willst.«

»Warum?«

»Weil du gut bist und ich nicht der Typ bin, der jemandem das Brot vom Tisch nimmt, nur weil ich es kann.« Milo zuckte mit den Schultern. »Und weil ich keine Lust mehr habe, jeden Morgen rüberzuschauen und mich zu fragen, ob du mich heute anbrüllen wirst.«

Janek lehnte am Türrahmen. Der Regen war vorbei. Über Neukölln stand ein dünner, fast aprikosenfarbener Himmel, und irgendwo schrie ein Kind nach seiner Mutter.

»Komm rein«, sagte er.


Sie sprachen drei Stunden. Erst über die Kundin, dann über die Cover-up, dann über Maschinen, dann über Tinten — Milo benutzte vegane, Janek nicht, sie stritten sich darüber, aber freundlich, fast zärtlich, so wie zwei Handwerker streiten, die beide wissen, dass der andere recht haben könnte.

Dann erzählte Milo, dass er in Stuttgart aufgewachsen war, Sohn eines Pfarrers, und dass er mit siebzehn von zu Hause weg war, weil sein Vater ihm das Geld für die Uni angeboten hatte unter der Bedingung, dass er aufhört, »solche« Magazine zu lesen. Janek hatte nicht gefragt, welche.

Janek erzählte, dass sein Studio seinem Vater gehört hatte, der vor vier Jahren gestorben war, und dass die ersten Tattoos, die er je gestochen hatte, an seinem eigenen Oberschenkel saßen, weil sein Vater gesagt hatte: »Wenn du es an dir kannst, kannst du es an anderen.« Er erzählte nicht, dass er manchmal nachts in dem leeren Studio saß und mit dem Tresen sprach, als wäre der Tresen sein Vater. Aber Milo sah ihn an, und Janek hatte das Gefühl, er wüsste es trotzdem.

Um neun Uhr abends sagte Milo: »Ich muss los.«

»Warum?«

»Weil ich sonst nicht mehr gehe.«

Janek schluckte. Es war kein schlechtes Schlucken. Es war das Schlucken, das man macht, wenn man ein Wort hinunterzieht, das man noch nicht sagen will.

»Gut«, sagte er. »Geh.«

Milo ging. An der Tür drehte er sich noch einmal um. »Janek. Falls du mich morgen wieder mit dem Bürgersteig anschreist, weiß ich jetzt wenigstens, warum.«

»Ich hab dich nie mit dem Bürgersteig angeschrien.«

»Doch. Jeden Morgen. Mit deinen Schultern.«

Dann war er weg.


Es dauerte zwei Wochen.

Zwei Wochen, in denen Janek jeden Morgen rüber sah und Milo jeden Morgen zurück, und in denen sie sich auf der Straße trafen wie zwei Katzen, die nicht zugeben wollen, dass sie zur selben Familie gehören. Die Cover-up-Kundin kam, Janek machte den besten Job seines Lebens, nahm nur die Hälfte des üblichen Preises und sagte ihr, sie solle bei Milo weitertätowieren lassen, wenn sie wollte. Sie wollte. Es störte ihn nicht.

Am vierzehnten Tag, einem Mittwoch, kam Milo nach Ladenschluss zur Tür herein, ohne anzuklopfen, und sagte: »Ich hab nachgedacht.«

»Schlechte Idee.«

»Wir machen was zusammen.«

»Wir machen was zusammen?«

»Ein Stück. Eine Kollaboration. Du machst die Schwerkraft, ich mach das Licht. Am selben Arm. Wir suchen jemanden, der das mit sich machen lässt.«

Janek sah ihn an. Milo trug ein dünnes weißes Hemd, das im falschen Licht durchsichtig wurde, und Janek wusste, dass es nicht das Hemd war, das ihn nicht atmen ließ. Es war alles andere.

»Wer soll das sein.«

»Ich«, sagte Milo. »An mir.«

»Du willst, dass ich dich tätowiere.«

»Ja.«

»Warum ich?«

Milo trat einen Schritt näher. Nicht viel. Genug. »Weil ich jemandem trauen will, der weiß, was es kostet, eine Linie zu ziehen, die nicht mehr weggeht.«

Janek wollte etwas sagen, aber sein Mund war trocken. Er wollte sagen: Du bist verrückt, oder Geh, oder Bleib. Stattdessen nahm er Milos Hand und drehte den Unterarm nach oben, weil das die geübteste Bewegung in seinem Körper war. Er sah die feine Tinte, die Milo dort schon trug — Eukalyptus, Mondsicheln, ein winziger Vogel —, und er sah die nackte Stelle innen, wo nichts war, wo alles möglich war.

»Hier?«, sagte er.

»Hier.«

»Ich werde dir wehtun.«

»Ich weiß.«

»Nicht nur mit der Maschine.«

Milo lächelte zum ersten Mal so, dass Janek dachte, er könnte sich daran festhalten. »Janek. Das wissen wir doch beide.«


Janek tätowierte ihn an dem Abend nicht. Er wusste, dass das ein Fehler wäre — eine Entscheidung, die unter Adrenalin getroffen wurde, eine Linie, die er später bereuen würde, weil sie unter Angst gezogen worden wäre, nicht unter Liebe. Stattdessen ließ er Milo auf seinem Stuhl sitzen, kochte zwei Tassen Tee, der eigentlich Kaffee sein sollte, weil er nichts anderes da hatte, und sie redeten weiter, wie sie schon zwei Wochen zuvor geredet hatten.

Irgendwann, gegen halb elf, sagte Milo: »Ich glaub, ich bin in dich verliebt, seit ich das erste Mal die Tür von gegenüber aufgemacht hab und du mich angesehen hast wie etwas, das man wegputzt.«

Janek lachte. Es war ein neues Lachen, eines, das er nicht oft benutzte. »Das ist die romantischste Beschreibung von Hass, die ich je gehört hab.«

»Es war kein Hass«, sagte Milo. »Du hast Angst gehabt.«

Janek hörte auf zu lachen.

»Du hast Angst gehabt«, wiederholte Milo, leiser, »dass ich dir wegnehme, was dein Vater dir hinterlassen hat. Dabei war ich nur jemand, der gegenüber eingezogen ist, weil die Miete halb so teuer ist wie in Mitte und das Licht morgens gut in den Raum fällt. Ich wusste nicht mal, dass es dich gibt, bis ich dich das erste Mal gesehen hab, wie du um sechs Uhr morgens deine Tür aufgeschlossen hast, mit einem Gesicht, als hättest du die ganze Welt verloren.«

»Vielleicht hatte ich.«

»Vielleicht hattest du.« Milo nahm die Teetasse aus Janeks Hand, stellte sie auf den Tresen, behielt die Hand. »Ich bin nicht hier, um dir was wegzunehmen, Janek. Ich bin hier, weil ich gegenüber einziehen musste, und du bist hier, weil du nirgendwo anders hin kannst, und das ist kein Krieg. Das ist ein Zufall, der eine Chance werden will.«

Janek sah ihre Hände an. Die seine: dunkel, vernarbt, mit einem alten Brandfleck am Daumen, weil er als Lehrling den Sterilisator angepackt hatte. Die von Milo: heller, schmaler, mit einem dünnen weißen Streifen über dem Knöchel. Beide rissig vom Desinfektionsmittel. Beide an denselben Tagen müde.

»Ich kann das nicht schnell«, sagte Janek.

»Hab ich dich um schnell gebeten?«

»Nein.«

»Eben.«


Sie küssten sich in dieser Nacht nicht. Aber Janek begleitete Milo bis zur Tür gegenüber, und auf halbem Weg über die Straße — mitten im April-Berlin, das nach nassem Asphalt und billigem Falafel und irgendwo nach Frühling roch — blieb Milo stehen und legte Janek die Hand an die Wange. Nur kurz. Drei Sekunden vielleicht. Sein Daumen unter Janeks Auge, da, wo die Falten anfingen.

»Morgen«, sagte er.

»Morgen«, sagte Janek.

Es war kein Versprechen. Es war ein Termin.


Drei Wochen später tätowierte Janek Milo. Eine einzige, lange Linie, vom Ellbogen bis zum Handgelenk, an der Innenseite des Unterarms, da, wo die Haut so dünn ist, dass man die Adern sieht. Die Linie war nicht gerade. Sie hatte eine kleine Wölbung in der Mitte, fast unsichtbar, eine Stelle, an der Janeks Hand für einen Moment gezittert hatte, weil Milo eingeatmet hatte und Janek wusste, dass er dieses Einatmen jetzt für immer kennen würde.

»Du hast gezittert«, sagte Milo hinterher, als sie das Tape darüber klebten.

»Ja.«

»Macht nichts.«

»Es ist nicht perfekt.«

»Janek.« Milo stand auf, legte ihm beide Hände an die Schultern, sah ihn an, wie noch nie jemand Janek angesehen hatte, der nicht sein Vater gewesen war. »Du machst Schwerkraft. Schwerkraft ist nie perfekt. Schwerkraft ist nur ehrlich.«

Janek sagte nichts. Er nahm Milos Gesicht in beide Hände, küsste ihn auf den Mund, einmal, fest, ohne sich zu entschuldigen, und draußen ging über Neukölln langsam die Sonne unter, die Janek seit elf Jahren jeden Abend von seinem Tresen aus gesehen hatte, und die ihm zum ersten Mal nicht wie ein Ende vorkam.

In Sonnenstich Tattoo gegenüber brannte Licht. Es würde wahrscheinlich noch lange brennen. Janek hatte beschlossen, es nicht mehr zu zählen.


Eine Kurzgeschichte aus dem Legendenreich.