Notiz aus der Werkstatt — Über das Schreiben mit der Maschine
Ich sitze an einem Tisch. Der Tisch ist real, aus Eichenholz, in Süddeutschland gefertigt vor wahrscheinlich vierzig Jahren. Auf dem Tisch steht ein Bildschirm. Im Bildschirm läuft ein Programm, das man vor zwei Jahren noch nicht hatte. Wenn ich dem Programm einen Satz schreibe, antwortet es. Wenn ich ihm einen halben Roman schreibe, hilft es mir, den anderen halben zu finden.
Das Programm heißt nicht. Es ist eine von mehreren großen Sprachmodellen, wie die Fachleute sagen. Ich nenne es im Verlag Millhouse, weil das einfacher ist, und weil ich glaube, dass alles, mit dem man arbeitet, einen Namen verdient.
Sie werden vielleicht Vorbehalte haben gegen das, was ich da tue. Das ist verständlich. Wir leben in einer Zeit, in der alle paar Wochen eine neue Empörung durch die Schreibwelt rollt — über künstliche Intelligenz, über Plagiate, über das Verschwinden des menschlichen Schreibers. Manche dieser Empörungen sind berechtigt. Manche sind verwechselt mit anderen Sorgen, die wir auch haben sollten, aber die nichts mit der Maschine zu tun haben.
Was ich Ihnen in dieser Notiz nicht versprechen werde: dass ich Sie überzeuge.
Was ich Ihnen erzähle: wie wir es im Fünfgroschenverlag tatsächlich machen.
Ich schreibe die Geschichten. Das ist die erste Wahrheit. Wenn ein Heft von Aron Falkenthal erscheint, dann sitze ich vor dem Bildschirm, denke darüber nach, was Vorrim — der Erzkanzler in den Salzkönigen — als Nächstes tun würde, was er sagen würde, wie er die Hand hält, wenn er eine Akte nimmt. Diese Gedanken sind meine. Sie kommen aus meinem Kopf. Sie kommen aus den Büchern, die ich gelesen habe, aus Menschen, denen ich begegnet bin, aus dem, was ich vom Leben verstehe.
Was die Maschine tut, ist eine andere Sache. Sie hilft mir, schneller zu denken. Wenn ich Vorrim eine Szene gebe, in der er einer Drei-Konvent-Frage ausweicht, schlägt sie mir drei Versionen vor, wie er das auf eine Vorrim-typische Art tun könnte. Manche dieser Versionen verwerfe ich sofort. Manche bringen mich auf eine Idee, die ich allein nicht gehabt hätte. Manche werden — leicht überarbeitet — Teil des Hefts.
Ich beschönige das nicht. Es gibt Sätze in den Falkenthal-Heften, die in der ersten Form von der Maschine kommen. Es gibt mehr Sätze, die von mir kommen und die die Maschine nicht hätte schreiben können. Es gibt eine Schicht zwischen beidem, in der nicht mehr klar ist, wo der Übergang lief.
Ich denke nicht, dass das ein Problem ist.
Ein Roman ist nie nur die Sätze, aus denen er besteht. Er ist die Welt, die der Schreiber gewählt hat. Die Figuren, die er erkannt hat. Die Konflikte, die ihn beschäftigen, lange bevor er an einer Szene sitzt. Die ethische Position, die er einnimmt, wenn er entscheidet, ob ein Antagonist menschlich gezeichnet werden darf oder ob er als Funktion bleiben muss. Die Dinge, die er weglässt — die fehlenden Sätze, die das Buch tragen wie eine Atmosphäre, die nicht beschrieben werden muss, weil sie da ist.
Das alles macht die Maschine nicht. Das mache ich. Beziehungsweise: das machen wir, im Verlag, in den Wochen vor der ersten Szene und in den Tagen danach.
Was sich für mich verändert hat in den letzten zwei Jahren, ist nicht, dass ich weniger Schreiber wäre. Es ist: dass ich mehr Hefte schreiben kann. Die Salzkönige werden vier Staffeln umfassen, etwa zweiunddreißig Hefte, etwa eine Million Wörter. Ich hätte das ohne die Maschine nicht in dieser Lebensspanne geschafft. Mit ihr habe ich die Aussicht, es in den nächsten fünf Jahren zu tun.
Das ist die ehrliche Wahrheit. Sie können sich Ihre eigene Meinung dazu bilden. Wir werden Ihnen weder eine schöne Geschichte über „KI-augmented Storytelling” erzählen — die Wortpaarung verachten wir — noch werden wir verheimlichen, dass wir mit der Maschine arbeiten. Wir verheimlichen es nicht, weil das Verheimlichen Sie und uns gleichermaßen unwürdig macht.
Wir betreiben außerdem einen YouTube-Kanal — die FünfGroschenWerkstatt —, in dem wir öffentlich darüber sprechen, wie genau wir das tun. Welche Werkzeuge wir benutzen. Welche Fallen wir kennen. Wo die Grenzen liegen, an die wir gestoßen sind. Welche Art von Texten die Maschine nicht schreibt, weil sie nicht weiß, was wir wissen. Welche Art von Texten sie überraschend gut schreibt, sobald wir ihr beibringen, was wir wollen.
Wenn Sie mehr darüber wissen möchten, finden Sie uns dort. Sie finden uns auch im Salon — unserem internen Diskussionsforum, in dem die Saatkorn- und Vollkorn-Mitglieder mit uns über die Welten und über die Werkstatt reden können. Sie finden uns vor allem in den Heften selbst, die — und das ist die Wette, auf der dieses Magazin und dieser Verlag basieren — am Ende für sich selbst sprechen müssen.
Wenn ein Heft gut ist, ist es egal, womit es geschrieben wurde. Wenn es schlecht ist, hat keine Maschine es gerettet.
Wir geben uns Mühe.
Mit den besten Grüßen aus dem Werkstatt-Tisch, H. Sinther