Frequenz

**Friends to Lovers** · Berlin-Kreuzberg, Gegenwart — ein kleines Tonstudio im Hinterhof

Frequenz

Die Aufnahme war Scheiße und sie wussten es beide.

Jonah lehnte sich im Stuhl zurück, die Kopfhörer um den Hals, und starrte auf die Wellenformen am Bildschirm, als würden sie ihm eine Antwort schulden. Die letzte Stunde hatten sie denselben Refrain aufgenommen, immer wieder, und jedes Mal klang er technisch einwandfrei und emotional tot.

»Noch mal?«, fragte Teo durch die Glasscheibe. Seine Stimme kam gedämpft durch das Mikro, aber Jonah hörte die Erschöpfung trotzdem. Teo stand in der Aufnahmekabine, barfuß auf dem abgewetzten Teppich, das Hemd halb aufgeknöpft, weil die Klimaanlage seit zwei Tagen streikte. Sein dunkles Haar klebte an den Schläfen.

Jonah drückte die Sprechtaste. »Pause. Zehn Minuten.«

Teo nickte, zog die Kopfhörer ab und verschwand aus dem Blickfeld. Jonah hörte, wie die Studiotür ging, dann das Klicken eines Feuerzeugs auf dem Hinterhof.

Er rieb sich die Augen. Drei Uhr morgens. Draußen schlief Kreuzberg den leichten Schlaf der Sommernächte — Stimmen von der Admiralbrücke, ein Bass aus irgendeinem Club drei Straßen weiter, das Klirren von Flaschen. Drinnen roch es nach kaltem Kaffee und dem Holz der alten Wandverkleidung, die sein Vater vor zwanzig Jahren eingebaut hatte.

Das Studio gehörte offiziell immer noch seinem Vater. Rein rechtlich. Praktisch saß Joachim Bremer seit drei Jahren in einer Zweizimmerwohnung in Spandau und trank sich die Leber kaputt, während Jonah die Miete für den Hinterhof-Raum zahlte und versuchte, aus dem Erbe etwas zu machen, das kein Wrack war.

Teo war der Einzige, der das wusste. Teo war der Einzige, der vieles wusste.

Sechzehn Jahre Freundschaft. Angefangen in der fünften Klasse, als Teos Familie aus Izmir nach Berlin gezogen war und Teo kein Wort Deutsch sprach, dafür aber auf dem Schulklavier Chopin spielte, als hätte er einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Jonah hatte daneben gestanden, den Mund offen, sein eigenes Gitarrenspiel plötzlich lächerlich. Dann hatte Teo aufgeschaut und gelächelt, und Jonah hatte gedacht: Okay. Dich behalte ich.

Sechzehn Jahre. Durch die Pubertät, durch Jonahs erstes Outing (sechzehnte Geburtstagfeier, betrunken, Teo hatte nur gesagt: »Ich weiß, du Idiot«), durch Teos Studium am Konservatorium und Jonahs Ausbildung zum Tontechniker, durch vier Wohnungen, drei Bands, zwei gebrochene Herzen auf jeder Seite und einen panischen Anruf um vier Uhr morgens, als Teos Vater den Herzinfarkt hatte.

Sechzehn Jahre, und Jonah war sich in jedem einzelnen davon bewusst gewesen, dass er Teo liebte. Nicht wie einen Bruder. Nicht wie einen besten Freund. So, wie man jemanden liebt, dessen Lachen einem die Luft nimmt.

Er hatte nie etwas gesagt. Das war der Deal, den er mit sich selbst geschlossen hatte, irgendwann zwischen siebzehn und achtzehn, als die Sehnsucht aufgehört hatte, ein Hintergrundgeräusch zu sein, und angefangen hatte, ein permanenter Tinnitus zu werden. Teo war hetero — oder zumindest hatte er nur Freundinnen gehabt. Teo war sein bester Freund. Teo war das Einzige in seinem Leben, das funktionierte. Das riskierte man nicht.

Also schluckte Jonah es runter, jedes Mal, wenn Teo sich beim Musikhören an ihn lehnte, wenn ihre Knie sich unter dem Mischpult berührten, wenn Teo nach dem Duschen durch die Wohnung lief und Jonahs Blick an seinem Nacken hängen blieb. Er schluckte und schluckte und schluckte, und irgendwann schmeckte es nicht mehr bitter, sondern einfach nach Alltag.

Die Studiotür ging wieder auf. Teo kam rein, der Geruch von Zigarettenrauch und warmer Nacht an ihm. Er setzte sich auf die durchgesessene Couch hinter dem Mischpult, den Kopf gegen die Wand, die Augen geschlossen.

»Es liegt nicht an der Aufnahme«, sagte er.

»Ich weiß.«

»Es liegt am Song.«

Jonah drehte sich mit dem Stuhl um. »Der Song ist gut, Teo.«

»Der Song ist technisch kompetent.« Teo öffnete die Augen. Sie waren dunkel, fast schwarz im schwachen Licht der Studiolampen, und sie sahen Jonah an, als würden sie etwas suchen. »Aber er hat kein Herz. Er handelt von einer Liebe, die ich mir ausgedacht habe. Einer Person, die es nicht gibt.«

»Songwriting 101. Du musst nicht alles erlebt haben, um —«

»Ich weiß, was Songwriting 101 sagt.« Teo setzte sich auf. »Und ich sage dir, dass ich mit dreißig zu alt bin, um Songs über erfundene Gefühle zu schreiben, während die echten —« Er brach ab.

Stille. Nur das leise Brummen des Mischpults.

»Während die echten was?«, fragte Jonah. Sein Herzschlag war plötzlich sehr laut.

Teo stand auf, lief zum Fenster, das auf den Hinterhof ging. Efeu und Backstein und das orangefarbene Licht einer Straßenlaterne. Er stützte die Hände auf das Fensterbrett.

»Du erinnerst dich an Hamburg?«, fragte er leise.

Hamburg. Vor sechs Monaten. Ein Gig in einer Bar in der Schanze, zwanzig Leute im Publikum, davon die Hälfte nur wegen des Biers da. Teo hatte trotzdem gespielt, als wäre der Saal ausverkauft — so war er, er spielte immer für den einen Menschen im Raum, der zuhörte, und in dieser Nacht war dieser Mensch Jonah gewesen, wie immer. Danach zu viel Bier an der Bar, Teos Lachen immer lauter, Jonahs Blick immer länger. Das Hotelzimmer war winzig, das zweite Bett defekt, und Jonah hatte gesagt: »Ist doch nicht das erste Mal«, und es hatte beiläufig klingen sollen, aber seine Stimme war angebrochen bei erste. Sie lagen nebeneinander, und irgendwann hatte Teo sich im Halbschlaf zu ihm gedreht und den Arm um ihn gelegt, schwer und warm, und Jonahs ganzer Körper war zu Stein geworden. Zwei Stunden lang hatte er nicht geatmet. Zwei Stunden lang hatte er Teos Atem an seinem Nacken gespürt und gewusst, dass er das hier nicht überleben würde, nicht noch einmal, nicht wenn es so leicht war, sich vorzustellen, dass es etwas bedeutete.

Am nächsten Morgen hatte keiner von ihnen darüber gesprochen. Sie hatten Kaffee getrunken und den Van gepackt und die sechsstündige Fahrt zurück nach Berlin mit Musik gefüllt, und Jonah hatte das Fenster runtergedreht und den Wind ins Gesicht gelassen und gehofft, er würde das Gefühl von Teos Arm wegblasen. Hatte er nicht.

»Ja«, sagte Jonah. Seine Stimme war heiser.

»Ich war nicht betrunken.« Teo drehte sich um. »Ich meine — ich war betrunken. Aber nicht so betrunken, dass ich nicht wusste, was ich tat.«

Die Luft im Studio wurde dünn. Jonah spürte, wie etwas in seiner Brust sich bewegte, etwas, das er sechzehn Jahre lang in eine Kiste gesperrt hatte, und die Kiste hatte Risse bekommen.

»Was willst du mir sagen, Teo?«

Teo lachte, aber es war kein fröhliches Lachen. Es war das Geräusch von jemandem, der am Rand einer Klippe steht und nach unten schaut.

»Dass ich seit zwei Jahren versuche, einen Song zu schreiben, der nicht von dir handelt, und es nicht schaffe.« Er fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar. »Dass ich nachts wach liege und daran denke, wie du am Mischpult sitzt und dir auf die Unterlippe beißt, wenn du eine Stelle findest, die noch nicht stimmt. Dass ich in Hamburg deinen Herzschlag gespürt habe und wusste, dass du auch wach bist. Dass ich seit Monaten durchdrehe, weil ich nicht weiß, ob ich dir das sagen darf, ohne alles kaputtzumachen.«

Jonahs Hände zitterten. Er legte sie auf seine Knie und drückte zu.

»Und jetzt stehe ich hier«, sagte Teo, »um drei Uhr morgens in deinem Scheißstudio mit der kaputten Klimaanlage, und ich kann den Refrain nicht singen, weil er von einer ausgedachten Person handelt, und die einzige Person, für die ich singen will, sitzt drei Meter von mir entfernt und sagt nichts.«

Drei Meter. Jonah stand auf. Zwei Meter. Der Boden knarrte unter seinen Schritten. Einen Meter. Er konnte Teos Aftershave riechen, und darunter den Zigarettenrauch, und darunter etwas, das nach Haut und Wärme roch und das er seit sechzehn Jahren kannte.

»Sag was«, flüsterte Teo. »Irgendwas. Sag mir, dass ich spinne, sag mir, dass du —«

Jonah küsste ihn.

Es war nicht sanft. Es war nicht filmreif. Es war sechzehn Jahre aufgestauter Druck, der sich in einer Sekunde entlud, Jonahs Hände an Teos Gesicht, Teos Finger in Jonahs T-Shirt, der Aufprall von Teos Rücken gegen das Fensterbrett. Teo machte ein Geräusch — halb Überraschung, halb Erleichterung —, und dann küsste er zurück, und es war, als hätte jemand den Regler hochgezogen auf eine Frequenz, die immer da gewesen war, nur zu leise, um sie bewusst zu hören.

Sie trennten sich, atemlos, Stirn an Stirn. Jonahs Hände lagen immer noch an Teos Gesicht, und er spürte die Bartstoppeln unter seinen Daumen, die Wärme seiner Haut, den schnellen Puls an seiner Schläfe. Real. Das war real. Kein Traum um drei Uhr morgens, kein Wunsch, den er sich im Halbschlaf zusammenlog.

»Sechzehn Jahre«, sagte Jonah. »Sechzehn verdammte Jahre.«

Teo lachte, und diesmal war es echt, nass und ein bisschen wackelig. »Zwei auf meiner Seite. Tut mir leid, ich war langsamer.«

»Du warst nicht langsamer. Du warst hetero.«

»Ich war ein Idiot.« Teo lehnte sich zurück, sah ihn an. Seine Augen glänzten. »Ich war nie hetero, Jonah. Ich war nur ein Feigling, der nicht wissen wollte, was es bedeutet, wenn ich neben dir aufwache und bleiben will.«

Jonah schloss die Augen. Die Kiste in seiner Brust war offen, und was darin war, war nicht das Monster, das er befürchtet hatte. Es war warm. Es war ruhig. Es war wie nach Hause kommen.

»Und der Song?«, fragte er.

Teo legte die Hand an seine Wange. »Scheiß auf den Song. Nein — warte. Gib mir zwanzig Minuten.«

Er löste sich, ging in die Aufnahmekabine, setzte die Kopfhörer auf. Jonah sank zurück in seinen Stuhl, die Beine weich, die Hände immer noch zitternd, und drückte auf Aufnahme.

Was Teo dann sang, hatte keine Lyrics. Es war nur eine Melodie, summend zuerst, dann in Silben, die keine Worte waren, nur Klang und Atem und etwas, das Jonah bis in die Knochen spürte. Die Wellenformen am Bildschirm sahen aus wie ein Herzschlag.

Als die letzte Note verklang, herrschte Stille. Dann Teos Stimme durch das Mikro, leise: »War das besser?«

Jonah drückte die Sprechtaste. »Das war —« Er musste schlucken. »Komm raus hier.«

Teo kam. Jonah stand auf, und diesmal war es langsam, war es bewusst, war es eine Entscheidung, keine Explosion. Er nahm Teos Hand — sie war warm und ein bisschen feucht, und sie zitterte genauso wie seine — und verschränkte ihre Finger.

»Ich habe Angst«, sagte Teo.

»Ich auch.«

»Wenn das schiefgeht —«

»Dann geht es schief. Und wir kleben die Scherben zusammen.«

Teo sah ihn an, lange, suchend. Dann nickte er. Nicht überzeugt, nicht furchtlos — aber bereit. Das war genug. Das war mehr als genug.

Sie setzten sich auf die Couch, Schulter an Schulter, wie sie es tausendmal getan hatten. Aber Teos Hand lag auf Jonahs Knie, und Jonahs Kopf lag an Teos Schulter, und alles, was vorher vertraut gewesen war, hatte eine neue Frequenz.

»Wir sollten darüber reden«, sagte Teo.

»Morgen.«

»Es ist morgen.«

»Dann heute Nachmittag. Nach dem Schlaf.«

Teo lachte leise. Sein Daumen strich über Jonahs Knie, eine kleine, abwesende Bewegung, die Jonah fast den Verstand raubte.

»Dein Vater wird fragen, wer der Song ist.«

»Mein Vater wird gar nichts fragen, weil mein Vater sich um nichts kümmert, was nicht in einer Flasche steckt.« Es kam härter raus, als Jonah wollte. Er spürte, wie Teo neben ihm still wurde. »Sorry. Aber das weißt du.«

»Ich weiß.« Teos Arm legte sich um seine Schultern. Schwer und warm. »Deswegen frage ich.«

Deswegen. Weil Teo immer fragte. Weil Teo der Mensch war, der um vier Uhr morgens ans Telefon ging und um drei Uhr morgens in einem Studio stand und einem die Wahrheit sagte, auch wenn sie wehtat.

»Ich liebe dich«, sagte Jonah. Es kam so leicht über seine Lippen, als hätte er es schon tausendmal gesagt. In gewisser Weise hatte er das auch — nur nie laut.

Teo drückte einen Kuss auf sein Haar. »Ich liebe dich auch. Und ich bin wütend auf mich, dass ich so lange gebraucht habe.«

»Zwei Jahre ist nichts.«

»Sechzehn ist zu lang.«

»Wir haben ja ab jetzt.«

Die Klimaanlage gab ein ächzendes Geräusch von sich und sprang an. Kühle Luft strömte durch den Raum, bewegte die Papiere auf dem Mischpult, das lose Kabel, das seit Monaten niemand aufgewickelt hatte. Teo lachte überrascht, und Jonah lachte auch, und es war so ein dummer, kleiner Moment — eine kaputte Klimaanlage, die im richtigen Moment anspringt —, aber er fühlte sich wie ein Zeichen.

Nicht von Gott oder dem Universum. Einfach davon, dass manchmal Dinge funktionieren, wenn man aufhört, gegen sie anzukämpfen.

Jonah speicherte die Aufnahme. Dateiname: 3AM_Teo_final.wav. Er überlegte kurz, dann änderte er ihn: 3AM_Frequenz.wav.

Das passte besser. Eine Frequenz, die immer da gewesen war. Man musste nur endlich hinhören.


Eine Kurzgeschichte aus dem Legendenreich.