Das Warten auf der Kennedybrücke — Was mich gerettet hat, war nicht meine Methode
Im Frühjahr 2015 fuhr ich mit dem Fahrrad über die Kennedybrücke in Hamburg, als mein Körper aufhörte, mir zu gehorchen.
Ich war nicht in der Praxis, ich war auch nicht im Dienst. Ich war auf dem Weg zu einem Buchladen am Mittelweg, um ein Buch abzuholen, das ich vorbestellt hatte — Yaloms Existenzielle Psychotherapie, falls Sie es genau wissen möchten. Es war ein Donnerstagnachmittag im April, der Himmel war jenes Hamburger Hellgrau, das nicht regnen will und nicht aufklaren kann, und ich war mitten in der zweiten Hälfte eines sechsmonatigen Sabbaticals, das ich genommen hatte, weil meine Hände in der Notaufnahme angefangen hatten zu zittern, wenn ich Patientenakten unterschrieb.
Auf der Brücke also. Ich war bei der Hälfte, etwa, als ich merkte, dass meine Beine zu schwer wurden, um weiterzutreten, und dass die Luft, die in meine Lunge ging, dort nicht ankam. Es war die typische Geometrie einer Panikattacke. Ich kannte sie aus tausend Patientengesprächen. Ich hatte sie tausendmal beschrieben, kategorisiert, behandelt. Ich hätte einen ganzen Vortrag halten können, während sie geschah, über die Phasen, die Mechanismen, die Interventionen.
Stattdessen stieg ich vom Fahrrad. Stellte es an das Geländer, lehnte es so, dass es nicht umfiel. Ging die zwei Schritte zur Seite, wo ein Stück Beton-Gehweg von der Geländermauer abgeschirmt war. Setzte mich. Legte mich auf die Seite. Spürte den kalten Beton durch die dünne Frühlingsjacke und dachte einen Satz, der mich seitdem nicht losgelassen hat: Ich werde mich auf meine eigene Methode verlassen.
Ich begann zu zählen. Vier Sekunden ein, sieben Sekunden halten, acht Sekunden aus. Box-Breathing. Die Übung, die ich Patientinnen hundertmal beigebracht hatte. Ich machte sie vier Mal hintereinander. Sie funktionierte nicht. Mein Atem ging weiter zu schnell. Mein Herz fühlte sich an, als wolle es durch die Rippen brechen. Meine Hände waren kalt und feucht zugleich, das Symptom, das die Patientinnen „wie ein Frosch” nennen, wenn ich sie es beschreiben lasse.
Ich machte die nächste Übung. Grounding durch fünf Sinne. Fünf Dinge, die ich sehe — Geländer, Kondensstreifen am Himmel, ein totes Blatt im Spalt zwischen zwei Pflastersteinen, der Lenker meines Fahrrads, der Zipper meiner Jacke. Vier Dinge, die ich höre — Wind, ein Auto auf der gegenüberliegenden Brückenseite, das eigene Atemgeräusch, ein entfernter Schiffshorn-Ton aus der Außenalster. Drei Dinge, die ich fühle — Beton unter der Wange, Stoff auf der Haut, die kalte Luft in der Nase. Zwei Dinge, die ich rieche — Asphalt nach Regen, etwas Süßliches aus der Bäckerei in der Nähe. Eins, das ich schmecke — Kaffee, von vorhin, leicht bitter.
Das half. Ein wenig. Mein Atem wurde nicht ruhig, aber er wurde langsamer.
Dann verging die Zeit. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie viele Minuten — nachher schaute ich auf die Uhr, vierzig Minuten waren vergangen seit dem Augenblick, in dem ich vom Fahrrad gestiegen war. Vierzig Minuten lag ich auf einer Hamburger Brücke, und es kamen Menschen vorbei, und niemand fragte mich, ob es mir gut gehe. Vermutlich sah ich aus, als gehörte ich dorthin — ein Mann auf einem Gehweg, der kurz Luft holt. So sehen Panik-Patienten oft aus. Das ist ein Teil ihres Problems: ihre Krise ist äußerlich kaum sichtbar.
Was mich am Ende auf das Fahrrad zurückgebracht hat, war keine Übung. Es war keine Methode. Es war kein Atemmuster. Es war: das Vergehen der Zeit. Mein Körper kam zur Ruhe, weil Körper das tun. Sie bleiben nicht für immer in der Krise. Sie sind keine Maschinen, die einen Knopf brauchen, um auszugehen. Sie sind biologische Systeme, die einer eigenen Logik gehorchen, und diese Logik schließt ein, dass nichts ewig dauert.
Ich erinnere mich an den Moment, in dem ich aufstand. Es war kein triumphaler Moment. Es war der Moment, in dem mein Körper signalisiert hat: Du kannst jetzt wieder. Nicht früher. Nicht später. Nicht weil ich es geschafft hatte. Sondern weil die Welle, die durch mein Nervensystem gegangen war, durchgegangen war. Wie eine Welle nun einmal durchgeht, wenn sie ans Ende ihres Bewegungsraumes kommt.
Ich fuhr nach Hause, nicht in die Buchhandlung. Ich saß in meiner Küche, kochte Tee, schrieb in mein Notizbuch einen Satz, den ich seit zwölf Jahren nicht mehr geändert habe: Was ich gelernt habe in der Notaufnahme, hat mir auf der Brücke nicht geholfen. Was mir geholfen hat, war das Warten.
Ich erzähle Ihnen das nicht, weil es eine schöne Geschichte ist. Ich erzähle es, weil es mein Verhältnis zu meinem Beruf verändert hat.
Vorher war ich Therapeut, der seinen Patientinnen Werkzeuge gab. Box-Breathing, Grounding-Übungen, kognitive Umstrukturierung. Ich habe diese Werkzeuge weiterhin gegeben. Ich gebe sie noch heute. Sie funktionieren — manchmal. Sie funktionieren in der frühen Phase einer Panikattacke, sie funktionieren bei mäßiger Aktivierung, sie funktionieren bei Menschen, die schon einige Erfahrung mit ihnen haben.
Sie funktionieren nicht in der Akut-Phase einer schweren Attacke. Da hilft nur das Warten. Das ist die Wahrheit, die ich seit der Brücke kenne und die ich meinen Patientinnen heute auch sage, obwohl es eine schwere Wahrheit ist. Es ist eine Wahrheit, die einem die Illusion der Kontrolle nimmt — und genau deshalb ist sie heilsam.
Wenn Sie selbst Panikattacken kennen, wird Sie das nicht trösten. Es ist nicht zum Trost geschrieben. Es ist geschrieben, damit Sie nicht den Eindruck bekommen, dass irgendetwas mit Ihnen falsch ist, weil die Übungen bei Ihnen nicht funktionieren. Sie funktionieren bei niemandem ganz. Es gibt keinen Atemtrick, der das Nervensystem überlistet. Es gibt nur das Wissen, dass Wellen vergehen — und dass man, während sie vergehen, an einem Ort sein kann, an dem man sicher ist.
Auf der Kennedybrücke war ich sicher. Niemand hat mich angesprochen. Niemand hat mir geholfen. Ich war sicher.
Manchmal ist das alles, was wir brauchen. Sicherheit, und das Vergehen der Zeit.
Sebastian Frey Hamburg, im Mai 2026