Leseprobe — „Der Tod beim Frühstück", Heft 1, Auftakt-Kapitel

Leseprobe — „Der Tod beim Frühstück", Heft 1, Auftakt-Kapitel

Kapitel 1 — Die Datteln (Auszug)

Die Datteln waren frisch. Vier Körbe, drei Drachmen pro Korb, aus Cethyra geliefert in der vergangenen Nacht — eine Sondereinfuhr, die der Erzkanzler selbst genehmigt hatte. Sie lagen auf einer flachen Silberschale zwischen den Brotkörben und den drei Krügen Saldoré-Wein, die jeden Morgen im Frühstückssaal des Marmorpalasts standen, ob sie getrunken wurden oder nicht.

Aldemar V., Hochsalzkönig der Sieben Throne im zwölften Jahr seines Mandats, nahm die zweite Dattel von links. Er lächelte. Er lächelte oft beim Frühstück, das war seine Art. Die Bediensteten hatten sich daran gewöhnt, ohne dass es ihnen aufgefallen wäre.

Sein Gesicht erstarrte.

Er fiel vornüber, das Gesicht in die Schale, die unter seinem Gewicht kippte und Salzkristalle der Streuung auf seine Stirn rieseln ließ. Der Wein im linken Krug schwappte, fand seinen Weg an die Tischkante, tropfte auf den Marmor.

Drei Minuten später trat Vorrim in den Saal.

Er hatte das Frühstück selbst organisiert. Das war nichts Ungewöhnliches; er organisierte vieles, das die Bediensteten nicht zu fragen gewohnt waren. Was ungewöhnlich war: dass er kam, ohne dass jemand ihn gerufen hätte. Der erste Lehrling der Hofküche, der das Salzkristall-Rieseln vom Eingang aus gesehen hatte, hatte nach dem Hofarzt geschickt. Niemand hatte nach dem Erzkanzler geschickt. Der Erzkanzler war einfach da.

Er starrte den toten König an, dann die Datteln, dann den Schreiber, der mit halb erhobener Hand neben dem Tisch erstarrt war, das Tintenfass in der Linken, eine Schreibfeder in der Rechten, beides unbewegt.

Vorrim sagte: „Räumt den Saal.”

Sein Gesicht regte sich nicht. Der Schreiber fragte nicht. Bedienstete liefen herein, hoben den König — der schwerer war als zu Lebzeiten. Tote sind immer schwerer; das hatte Vorrim gelernt, sechs Mal in zweiunddreißig Jahren Erzkanzlerschaft. Aldemar war der siebte. Vorrim notierte das, aber nicht laut.

Sieben Hochkönige habe ich beraten, dachte er, während die Bediensteten den König aus dem Saal trugen. Sechs sind beerdigt. Der siebte rechnet nicht mehr. Der Gedanke kam mit der Klarheit einer Akten-Notiz, ohne Wärme, ohne Kälte. So dachte Vorrim seit Jahrzehnten. Es hatte einmal anders sein wollen, aber das war lange her.

Er ging an den Tisch. Bückte sich nicht — sein Rücken erlaubte solche Bewegungen seit fünfzehn Jahren nicht mehr. Er beugte sich nur vor, links, weil die rechte Seite ihm seit damals die Bewegung nicht durchließ. Niemand wusste das. Niemand hatte es zu wissen. Er stützte sich mit der linken Hand am Tischrand ab und sah die Datteln an.

Drei Drachmen pro Korb. Vier Körbe. Zwölf Drachmen für eine Sondereinfuhr aus Cethyra, gestern Nacht eingelaufen mit der Dritten Hafenmole, einem Achmar-Kaufmannsschiff. Vorrim hatte die Genehmigung selbst unterzeichnet. Die Zollakte trug sein Siegel. Der Lieferschein war im Erzkanzler-Trakt.

Er nahm keine.

Helmar erschien im Eingang.

Er war achtzig Schritte gegangen, vom Erzkanzler-Trakt durch die Sandsteingalerie und über den Großen Säulenhof, mit der ersten leeren Akte in der Linken und einem Schreibzeug am Gürtel, das niemand außer ihm zum Tragen berechtigt war. Er war sechzig Jahre alt, klein, schmal, mit weißem dünnem Haar und ungewöhnlich ruhigen Händen. Er kam ohne Eile, weil Vorrim Eile nicht schätzte. Er kam, weil Vorrim es so eingerichtet hatte: wenn ein Hochkönig stirbt, bringt mein Schreiber die erste Akte. Nicht der Hofkanzler. Nicht der Marschall. Mein Schreiber.

Helmar reichte Vorrim die Akte.

Mit der linken Hand.

Vorrim nahm sie, links. Er öffnete sie, mit einer Bewegung, die den fremden Beobachter nichts gelehrt hätte: ein alter Mann nimmt eine Akte. Aber die Reihenfolge war klar. Die Hand, die schreiben wird, war die Hand, die nahm. Die Hand, die das Siegel gesetzt hatte, war dieselbe.

„Aldemar V., gestorben am morgendlichen Frühstück, Datum nach dem Salzkalender, Konventsschicht aktiv.” Vorrim sprach es leise, fast unhörbar — Helmar nickte, prägte es sich ein, würde es in der nächsten Stunde in die offizielle Sterbe-Akte übertragen.

„Den Hofarzt?” fragte Helmar.

„Wird kommen. Wird nichts sagen. Vergiftung in den Datteln, vermutlich. Der Hofarzt wird das nicht schreiben, weil ich es nicht schreiben lasse.” Eine Pause. „Wir notieren: plötzlicher Tod, Schlaganfall, Frühstück. Das genügt für das Volk und für Vandar.”

„Und für den Konvent?”

„Für den Konvent ist es egal, woran er gestorben ist. Er ist tot. Das ist die Tatsache, die zählt.”

Helmar nickte zum zweiten Mal. Er hätte fragen können, warum vermutlich Gift. Er hätte fragen können, wer die Datteln genehmigt hatte. Er fragte nicht.


Die Geschichte geht weiter — im vollständigen Heft 1: Der Tod beim Frühstück, in Kürze erhältlich im Fünfgroschenverlag. Zwölf Kapitel, vier Hauptperspektiven, ein Konvent in Maraval, drei Optionen, eine vergiftete Schale Datteln und ein Erzkanzler, der schon weiß, welche der Optionen die schlechteste ist.