Brief aus der Werkstatt — über Asthrien, Drachenfleisch und das Warten der Mächte

Brief aus der Werkstatt — über Asthrien, Drachenfleisch und das Warten der Mächte

Ich schreibe Ihnen aus einer Welt, die es nicht gibt — und die mich gleichwohl seit zwei Jahren beschäftigt, als wäre sie eine, die ich besucht hätte.

Sie heißt nicht. Geografen geben ihr keinen Namen. Die Bewohner nennen die ihnen bekannte Welt einfach die Welt, und alles, was darüber hinausgeht, ist für sie das Außen — bis sie eines Tages erfahren, dass das Außen größer ist als das Bekannte. Das ist die Stelle, an der die Geschichte beginnt, die ich Ihnen erzähle.

Im Zentrum dieser Welt liegen sieben Inseln. Sie nennen sich die Sieben Throne, und sie haben sich vor zweihundert Jahren in einem Pakt zusammengeschlossen, der den Namen Salzpakt trägt. Sieben Häuser regieren diese Inseln, jedes mit eigener Geschichte, eigener Sprache, eigener Religion. Eines hütet das Salz, das die Welt würzt. Eines hütet die Galeeren, die das Salz transportieren. Eines hütet die Tempel, in denen die Salzpriester zu einem Gott beten, den sie den Goldwandler nennen — den Verwandler aller Dinge, der das gewöhnliche zum besonderen macht. Eines hütet die Drachen.

Die Drachen sind das eigentliche Geheimnis dieser Welt.

Es gibt sie noch, aber nicht mehr lange. Vor einem Jahrtausend gab es sie zu Tausenden. Heute leben weniger als zwanzig, in Höhlen auf einer einzigen Insel, gehalten von einem einzigen Haus, das das Privileg ihrer Pflege seit Generationen vererbt. Sie werden nicht geritten. Sie werden nicht gezähmt. Sie werden gefüttert, gemessen, beobachtet — und einmal im Jahr, in einer Zeremonie, die fünf Tage dauert, wird ihnen ein Stück Fleisch entnommen, ohne dass sie sterben. Dieses Fleisch ist die Währung, die Asthrien zwingt, der mächtigsten Hochmacht im Westen, den Sieben Thronen Tribut zu zahlen.

Asthrien ist zwanzig Millionen Menschen. Die Sieben Throne sind drei Millionen. Asthrien hat Industrie, Universitäten, eine zentralisierte Verwaltung. Die Sieben Throne haben das Drachenfleisch, das Asthriens Eliteeinheiten brauchen, um zu sein, was sie sind — und wofür Asthrien dreißig Prozent seines Staatshaushaltes zahlt, seit zweitausend Jahren.

Ich erzähle Ihnen das nicht, um Sie zu beeindrucken. Ich erzähle es Ihnen, weil ich Ihnen sagen will, was diese Welt für mich bedeutet.

Sie ist eine Welt, in der die Mächte einander nicht durch Schwerter besiegen, sondern durch Geduld. Asthrien hat zweitausend Jahre gewartet. Es hat Tribut gezahlt. Es hat geforscht. Es hat in seinen Universitäten an einem Pulver gearbeitet, das man Goldsalz nennt — eine Pharmakologie, die das Drachenfleisch ersetzen kann, vielleicht sogar übertrifft. Diese Forschung läuft seit fünfzig Jahren. Sie ist fast abgeschlossen.

Wenn sie abgeschlossen ist, kehrt sich das Tribut-Verhältnis um. Asthrien wird zum Lieferanten. Die Sieben Throne, die jahrhundertelang das Privileg des Drachenfleisches hatten, werden zu Bittstellern. Und alles, worauf der Salzpakt gegründet ist — die Hierarchie der Häuser, die Macht der Salzkönige, die Religion des Goldwandlers, der Reichtum, die Stabilität — wackelt.

Genau in diesem Moment beginnt die Saga, die ich erzähle.

Der Hochsalzkönig stirbt am Frühstückstisch. Er wird vergiftet. Vier Hochkönige reisen zum Konvent, um seinen Nachfolger zu wählen. Und unter den vier ist eine, die weiß, was Asthrien tut. Eine, die ahnt, dass die Welt, die sie kennt, in zehn Jahren nicht mehr da sein wird. Eine, die drei Optionen vor sich liegen sieht und weiß, dass die schlechteste die ist, die sie wählen wird.

So beginnt es.

Ich habe diese Welt nicht erfunden, weil sie ein gutes Marketing-Genre ist. Ich habe sie erfunden, weil ich verstehen wollte, wie Mächte zerfallen — nicht durch Schlachten, sondern durch Pulver. Wie Religion sich verwandelt, wenn ihre wirtschaftliche Grundlage wegbricht. Wie Menschen, die wissen, dass ihre Welt endet, dennoch jeden Morgen die Datteln zum Frühstück servieren lassen, weil etwas anderes nicht denkbar ist.

Wenn Sie die Salzkönige-Hefte lesen — und ich hoffe, Sie tun es —, werden Sie merken, dass ich Ihnen die Welt nicht erkläre. Es gibt keine Erklär-Absätze. Es gibt nur Menschen, die in dieser Welt leben, sprechen, handeln, und Sie als Leserin oder Leser verstehen die Welt, indem Sie ihnen zuhören. Das ist die Sorte Fantasy, die ich schreibe. Sie ist erwachsener als die meisten. Sie ist langsamer. Sie verlangt etwas Geduld, vor allem in den ersten dreißig Seiten. Aber sie belohnt diese Geduld, glaube ich, mit einer Welt, die Sie so schnell nicht vergessen.

In dieser Ausgabe des Legendenreichs finden Sie eine Leseprobe aus dem ersten Heft — die Eröffnungsszene, in der der Hochsalzkönig stirbt. Sie finden außerdem drei Glossar-Häppchen aus meiner Welt-Bibel, in denen ich Ihnen Asthrien etwas näherbringe, ohne die Saga zu spoilern.

Wenn Sie nach der Lektüre Lust haben auf das ganze erste Heft, Der Tod beim Frühstück, dann werden Sie es bald in unserem Shop finden. Es heißt: zwölf Kapitel, etwa fünfunddreißigtausend Wörter, vier Hauptperspektiven, eine Welt, deren Salz wertvoller ist als ihr Gold.

Ich freue mich, dass Sie hier sind. Es bedeutet mir mehr, als ich sagen kann.

Mit den besten Grüßen aus der Werkstatt, Aron Falkenthal